21.8.2018 : 22:08

Predigt am Pfingstsonntag

Jesus tritt am Osterabend in die Mitte seiner ängstlichen Jünger
und begrüßt sie mit einem Friedensgruß. Das hätte auch anders sein können.
Er hätte ihnen vorhalten können: Wieso seid ihr alle geflohen?

Wieso wart ihr in meinen schweren Stunden nicht bei mir?
Wieso habt ihr mich verlassen? Wieso fürchtet ihr euch so?

Warum habt ihr so wenig Vertrauen?

Eine ganz andere Geschichte wäre das geworden.


Aber so ist Gott nicht: Es gibt keine Vorwürfe. Es gibt keine Anklage.
Es gibt keine Schuldzuweisung. Stattdessen die wunderbare Zusage:

„Friede sei mit euch!“
Er sendet seine Jünger aus, Frieden zu bringen
und stattet sie dazu mit der Kraft des Heiligen Geistes aus.

Und er gibt ihnen den Auftrag, Sünden zu vergeben,
aber auch Vergebung zu verweigern. Zwischen Menschen darf es also

eine Verweigerung der Vergebung geben. Alles andere wäre Überforderung.
Vergebung ist etwas Anspruchsvolles und Anstrengendes.


In verschiedenen Ländern gibt es eine kirchliche Einrichtung namens ‚Justitia et pax’, die sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzt. Denn genau das heißt übersetzt
‚Iustitia et pax’: Gerechtigkeit und Frieden.

Von ‚Justitia et pax‘ in Luxemburg stammen 10 Thesen zur Vergebung,
die ich vor kurzem gelesen und die mich angesprochen haben:

1. Vergebung kann ein langer Prozess sein.
2. Vergebung ist nicht von einem Geständnis abhängig.
3. Vergebung erfordert keine übereinstimmende Auffassung von der Vergangenheit.
4. Vergebung bedeutet, mein Recht auf Rache loszulassen.
5. Vergebung bedeutet nicht Vergessen.
6. Vergebung bedeutet, das Unrecht nicht immer wieder zur Sprache zu bringen.
7. Vergebung bedeutet nicht, das Verhalten einer anderen Person zu entschuldigen.
8. Vergebung bedarf vorab einer Entscheidung.
9. Vergebung bedeutet nicht unbedingt, erneut zu vertrauen.
10. Vergebung ist Voraussetzung für einen Neuanfang.

Diese 10 Thesen sind großartig:

sie verharmlosen nicht, sie gießen keine ‚Harmoniesoße’ über die Vergangenheit,
sie zeigen auf, wie fordernd und anspruchsvoll Vergebung ist und dass es ein halbwegs friedvolles Miteinander nach Konflikten nicht „umsonst“ gibt,

es einem nicht geschenkt wird.
Wenn es einem aber geschenkt wird, ist der Geist Gottes, der Hl. Geist, am Werk!
Bitten wir Ihn darum, damit Vergebung immer wieder möglich wird, wo sie fehlt.